Mein Veganismus zwischen Radikalität, Kompromissen und Notwendigkeit

Wenn es um Fleischkonsum geht, sind sich mittlerweile ja die meisten einig: So wie es jetzt läuft, kann es nicht weitergehen. Niemand findet Massentierhaltung gut und natürlich will auch keiner, dass für das Frühstücksei unzählige Küken im Schredder landen. Wir wissen mittlerweile auch, dass zuviel Fleisch ohnehin nicht gesund für uns ist. Der ein oder andere ist sich vielleicht sogar über die negativen Konsequenzen der Massentierhaltung auf die Umwelt und das Klima bewusst. Wie gesagt: Eigentlich weiß jeder Bescheid.

Dann stellt sich eigentlich nur die Frage: Warum tut niemand was?

Wir bedrohen durch unser egoistisches Essverhalten alles Leben auf der Erde und damit nicht zuletzt uns selbst. Warum ist das nicht Thema Nummer eins auf jedem Regierungsgipfel, in jeder Talkshow und in allen Haushalten? Wir hinterlassen nicht nur unseren Nachkommen einen schwer bis nicht bewohnbaren Planeten. Wir sind mittlerweile an einem Punkt, wo viele von uns die wahrscheinlich katastrophalen Veränderungen von Klima und Umwelt noch selbst mitbekommen werden. Das Ganze liegt nun mal nicht mehr in weiter Ferne und geht auch nicht nur andere was an. Also warum isst überhaupt noch jemand Fleisch und unterstützt damit weiterhin ein marodes System, das nicht zuletzt uns selbst schadet?

Ich nehme mich hier nicht aus: Bis vor ca. 1½ Jahren habe ich auch nie groß darüber nachgedacht, was ich esse und warum. Es hat also auch bei mir gedauert bis ich beschloss, einfach mal selbst etwas zu tun, Verantwortung zu übernehmen und so weit es mir irgend möglich ist, vegan zu leben.

Und ja, vegan ist im Moment absolut im Trend und hat dadurch irgendwie dieses Hipster-Image. Es ist aber auch so ziemlich der erste Trend, den ich begrüße und voll unterstütze! Was ist schließlich so schlimm daran, wenn sich ein paar mehr Menschen über ihr Konsumverhalten Gedanken machen und ein bisschen seltener oder am besten gar nicht mehr zum Billigfleisch greifen? Wirklich niemand –  außer vielleicht Wiesenhof und Co. – hat davon einen Nachteil. Wenn etwas populär wird, muss es damit nicht automatisch schlecht werden.

Außerdem (und das finde ich am wichtigsten) kann der Veganismus sein momentanes Image-Update wirklich gut gebrauchen! Bisher galten Veganer immer als radikale, extreme Außenseiter und das vegane Leben bestand in der Vorstellung der allermeisten aus ungewürztem Gemüse, trockenem Brot und eklig schmeckenden Sojadrinks. Vegan stand also nicht nur für mich im Wesentlichen für Verzicht. Und während Veganismus und Vegetarismus um mich herum vor ca. zwei Jahren immer mehr zum Thema wurde, begann dieses Image langsam zu veralten und ich hinterfragte es.

Ich fand Massentierhaltung ja auch nicht gut; warum unterstützte ich sie dann?

Letztendlich gab dann eine Freundin irgendwann das auschlaggebende Argument und sorgte damit dafür, dass ich schrittweise vegan wurde: “Ich esse keine Tierprodukte, weil es der einfachste und wirksamste Protest gegen ein auf jeder Ebene schlechtes System ist. Und ich bin ehrlich gesagt einfach faul und so muss ich nirgendwo demonstrieren, Unterschriften sammeln oder Geld spenden. Ich muss einfach nur vegan leben und kann mir sicher sein, dass ich damit jeden Tag schon was echt Sinnvolles gemacht hab.”

Ich finde es auch nach über zwei Jahren eines der besten und vor allem ehrlichsten Argumente für den Verzicht auf Tierprodukte. Protest muss nicht immer PETA-Style sein und nicht jeder muss Hühner aus Mastanlagen befreien. Man kann auch einfach erstmal aufhören, sie zu essen.

Veganismus ist also für mich die logische Konsequenz.

Auf die Erkenntnis “So kann es nicht weitergehen!” sollten schließlich Änderungen folgen. Und genau das habe ich meiner Meinung nach auf die einfachste Art getan. Mein Geld unterstützt weder direkt noch indirekt Massentierhaltung und fördert stattdessen die Entwicklung von Alternativen. Ich bringe Menschen, die sich noch nie mit ihrem Konsumverhalten auseinandergesetzt haben, durch pure Anwesenheit dazu, genau dies zu tun. Ich kann sogar meine Oma dazu bringen, vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben etwas ohne Fleisch zu kochen, einfach weil ich zu Besuch komme.

Ich erreiche also Menschen, die ich sonst mit keinem Protest der Welt erreicht hätte, und das Wichtigste: Man bringt Menschen zumindest zum Nachdenken. Nicht unbedingt sofort zum Umdenken, aber der erste Schritt ist damit gemacht. 🙂

Und genau das ist meiner Meinung nach das allerwichtigste, um Veganismus halbwegs gut in den Alltag zu integrieren. Denn leider neigen nicht viele, aber manche sehr laute Veganer*innen besonders im Internet dazu, andere in eher rauhem Ton auf ihre Fehler hinzuweisen. Die “Veganer-Polizei” ist quasi die selbsternannte Instanz, die darüber entscheidet, wer sich vegan schimpfen kann und wer nicht. Sie lebt anscheinend selbst auf einer Art über-veganem Level, was mit der Realität der meisten Normalsterblichen meist ungefähr soviel zu tun hat wie Instagram.

Ich persönlich finde, das hier Veganismus oft wie eine Art Ersatz-Religion funktioniert und nicht besonders attraktiv wirkt. Wie schon erwähnt: Veganismus muss nicht immer Verzicht bedeuten; man kann das Ganze auch viel unverkrampfter sehen.

In meinen Augen muss man als Veganer nicht immer 100% vegan essen und leben.

In erster Linie geht es erst einmal darum, über das Thema nachzudenken und dann reflektiert für sich selbst und die eigene Lebenssituation zu bestimmen, was machbar ist und wo Kompromisse gefunden werden müssen. Man kann zum Beispiel sagen, dass man (noch) nicht komplett vegan essen kann oder möchte, es aber zumindest unter der Woche tut. Genauso gibt es die Möglichkeit, erstmal nur vegetarisch zu werden oder aber Kosmetik und Haushaltsprodukte auf vegan und tierversuchsfrei umzustellen. Selbst wenn man sich nur dafür entscheidet, ab jetzt das Frühstücksmüsli mit Sojamilch statt mit Kuhmilch zu trinken, ist das ein valider und absolut begrüßenswerter Schritt in die richtige Richtung. Es geht nicht darum, der perfekte Veganer zu werden, sondern Veganismus und reflektiertes Konsumverhalten in den Alltag zu integrieren. Und zwar ohne dabei komplett durchzudrehen und das Gefühl zu haben, man kann gar keinen Spaß mehr haben.

Ich bezeichne mich zum Beispiel als vegan, obwohl ich auf Reisen oder wenn ich bei Familienfeiern etc. eingeladen werde, “nur” vegetarisch esse. Genauso trage ich weiterhin eine Lederjacke, die ich seit bald 10 Jahren habe, und schmeiße sie nicht weg, nur weil ich sie heute nicht mehr kaufen würde. Ich benutze auch nach wie vor ein nicht-veganes Lippenpflegeprodukt, weil ich einfach bisher noch keinen annähernd so guten, veganen Ersatz gefunden habe. Auch habe ich mir neulich Turnschuhe gekauft, die teilweise aus Leder sind. Hier hätte es auch ein ähnlich aussehendes Modell von einer anderen Marke gegeben, allerdings käme das dann aus menschenverachtenden und stark umweltzerstörenden Produktionsverhältnissen. In dem Fall habe ich also abgewogen und mich für fair produzierte Mode entschieden, auch wenn diese Leder enthält. Ich kaufe auch nach wie vor Produkte, die Palmöl enthalten, achte allerdings drauf, dass es möglichst aus zertifiziertem Anbau stammt. Ich achte eher selten auf Regionalität oder Bioqualität von Produkten, einfach weil ich es mir momentan nicht leisten kann.

Ich mache nicht gerade wenige Kompromisse und sehe mich trotzdem als vegan.

Es gibt eben viele Fälle, wo Veganismus im Alltag (noch) Probleme aufwirft und am Anfang habe ich mir wegen solchen Dingen oft den Kopf zerbrochen und gedacht, dass ich mich nicht genug anstrenge und eigentlich ja mehr tun müsste. Muss ich aber nicht. Und genauso muss auch niemand anders der perfekte Veganer werden. Es sollte sich aber jeder zumindest mal mit dem Thema auseinandersetzen und das tun, was seiner Meinung nach realistisch in seinem Alltag ist. Denn wie gesagt: Eigentlich weiß jeder längst Bescheid, dass es so nicht ewig weitergeht. Gar nichts tun ist da in meinen Augen nur eine Ausrede und das Einzige, was wirklich inakzeptabel ist. Grundsätzlich kann jeder was ändern. Und wenn es nur der Wechsel von Mettbrötchen zu Brötchen mit veganem Mett ist. 😉

Ihr seid vermutlich auf dieser Seite, weil ihr diesen ersten Schritt schon längst gemacht und euer Konsumverhalten zumindest hinterfragt habt. Der erste Schritt ist also ohnehin schon getan, herzlichen Glückwunsch! 🙂

Trotzdem gilt hier wie überall: Wissen ist Macht und das diffuse Wissen, das Massentierhaltung schlecht ist, reichte in der Praxis – zumindest bei mir – nicht, um mich von Fleischprodukten fernzuhalten.

Folglich gilt es: Lest und guckt Dokus! Ihr habt das Internet, also nutzt es dementsprechend und informiert euch! Denn mir ging es so, dass es mir direkt viel leichter fiel, auf Fleisch zu verzichten, als ich mich ausgiebiger mit dem Thema beschäftigt hatte. Fleisch essen erscheint einem dann quasi zunehmend wie die absurdeste Idee, wird unattraktiv und das ist ja irgendwie unser Ziel. Daher möchte ich euch hier einige Menschen und Medien vorstellen, die sich auf oft sehr verschiedene Weise mit dem Thema Fleischkonsum auseinandersetzen. Ich habe von all diesen Inhalten sehr profitiert und will sie euch hiermit allesamt empfehlen. Sie regen entweder zu einem völlig anderen Denken an oder liefern einfach wichtige Informationen und Argumente.

Tiere essen von Jonathan Safran Foer (Buch)

Direkt nach dem Erscheinen internationaler Bestseller und damit wahrscheinlich das bekannteste Werk in dieser Liste. Sicherlich nicht zu Unrecht, denn Tiere essen ist leicht und verständlich geschrieben und offensichtlich sehr gut und ausgiebig recherchiert. Foer geht das Thema Fleischkonsum aus der Sicht eines sehr reflektierten, aber auch emotional und kulturell verwurzelten Menschen an und man findet sich so zwangsläufig in seiner Geschichte wieder. Abgesehen davon liefert Tiere essen detaillierte Informationen zu wirklich allem rund um das Thema Fleisch und tut dies weit besser als ich es jemals könnte, insofern: Einfach mal reinlesen! 🙂

Anständig essen: Ein Selbstversuch von Karen Duve (Buch)

Wie der Name schon sagt: Duve startet einen einjährigen Selbstversuch und probiert verschiedene Ernährungsweisen aus, alles mit dem Ziel, etwas anständiger und ihren Werten entsprechend zu leben. Schnell zu lesen, oft lustig und sehr persönlich geschrieben. Gerade für den Einstieg ins Thema ist das Buch perfekt geeignet, da einem “der Wechsel” durch die Autorin ja quasi vorgelebt wird.

Cowspiracy von Kip Andersen (Film)

Der Untertitel Das Geheimnis der Nachhaltigkeit gibt eigentlich schon Aufschluss darüber worum es in dieser Doku geht: Nämlich weniger um die ethischen Gründe gegen die Massentierhaltung, sondern vielmehr um die häufig weniger thematisierten, ökologischen Folgen. Der Film macht deutlich, dass unser momentaner Fleischkonsum katastrophale Auswirkungen auf Umwelt und Klima hat. Außerdem stellt Andersen die Frage, warum die Massentierhaltung bei Umweltorganisationen kaum zum Thema wird und deckt so neue Zusammenhänge auf.

Teilweise etwas anstrengend, weil die Doku gerade am Anfang seltsam persönlich-investigativ auf mich wirkte. Im Verlauf besserte sich das aber sehr und der Film wird hochinteressant und absolut sehenswert! Und noch als Tipp: In voller Länge gibt es ihn jetzt auch bei Netflix! 🙂

Food, Inc. von Robert Kenner (Film)

In Food, Inc. geht es nicht nur um Fleischkonsum, sondern um die Probleme der Nahrungsmittelindustrie im Allgemeinen. Spannend und anschaulich aufbereitet klärt der Film über Lobby-Verstrickungen auf und versucht, Alternativen zum Ist-Zustand aufzuzeigen. Ebenfalls in voller Länge bei Netflix!

Beyond Carnism von Melanie Joy (TED Talk)

TED Talks sind kurz, prägnant und geben oft gute Denk-Impulse. So auch dieser Vortrag von Melanie Joy zum Thema Karnismus. Dieser -Ismus ist für die meisten sicherlich völlig neu, aber auf jeden Fall interessant, da er eine für mich völlig neue Art des Denkens darstellt. Auf jeden Fall seine Zeit wert!

 

Natürlich ist dies keine Thema-erschöpfende Liste, sondern es handelt sich eher um meine persönlichen Favoriten, die mir bei meiner “Umstellung” mit Infos sehr geholfen haben. Habt ihr auch Lesetipps oder Filme und Videos zu Thema, die ihr besonders spannend oder informativ fandet?

Oder gibt es etwas, was euch zum Thema Veganismus besonders bewegt? Wie versucht ihr, Veganismus in euren Alltag zu integrieren? Geht ihr Kompromisse ein und wenn ja, wo? 🙂

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